Seelenreise hinter das Wort

 

Geschichten und Gedichte - von Anita Cappelli (Erstveröffentlichung am 29.11.2019)

 

Warum sind wir eigentlich hier, auf unserer Erde? Einer Ahnung folgend beginnt mit dieser grossen Frage eine Seelen-Reise, die bis in die tiefsten und schattigsten Täler des Selbst führen sollte. Bis hin in die letzten Gründe der Existenz, über die nur noch in Gleichnissen gesprochen werden kann.

Leseprobe:

EINLEITUNG

WIR BRECHEN AUF – DU UND ICH

„Hurra 50!“ prangt auf der kunstvoll gestalteten Geburtstagskarte, die heute Morgen ins Haus flatterte und jetzt von der Küchentischmitte aus jedem ihre positive Botschaft ins Gesicht lacht. Wie passend! Entspricht es mir doch ganz und gar, sogar im Einläuten der Wechseljahre nur Grossartiges herauszufiltern. Immerhin: Was für ein Privileg bei so guter Gesundheit und hey, gut erhalten! Und ist nicht die Zeit des Suchens schliesslich genau hier in die des Findens übergegangen?

Wie ausserordentlich langweilig! Diese mich seit einem halben Jahrhundert begleitende, süsse innere Stimme des Schön-Redens. Die zweite Runde ist eingeläutet! Keine Zeit mehr für aufbauende Interpretationen belanglosen Geschehens. Ab jetzt wird alles Gelebte neu beleuchtet. Alles Neue willkommen geheissen. Nicht, dass das Leben bis anhin falsch verlaufen wäre. Im Gegenteil: Genau hierhin geführt hat es mich.

Doch jetzt beginnt das Zeitalter der Freiheit. Eine neue Lust hat mich überkommen. Die Lust nach Wahrhaftigkeit. Direkt, ehrlich, ungebändigt! Doch mit liebevollem Verständnis für alles Menschliche – und alles andere…

So nahm ich meine neue Ehrlichkeit bei der Hand und reiste in meine Welt. Weit hinter schmeichelnde Stimmen, unter wohlwollende Interpretationen, bis in die schattigsten Täler meines Selbst. Und hier fand ich sie, die Worte hinter den Worten. Worte, die Bilder malen, jenseits des Verstandes. Gedichte, schon ewig in der Tiefe wartend, um endlich gesehen zu werden. 

Denn hinter den Fakten, eröffnet sich eine geheimnisvolle Welt, die nur erfahren werden kann. Über sie zu sprechen, erfordert eine bildhafte Sprache. Oder in den vortrefflichen Worten des Philosophen und Wissenschaftlers Werner Heisenberg: „Über den letzten Grund der Wirklichkeit kann nur in Gleichnissen gesprochen werden.“ Ich kann ihm nur zustimmen.

Ich spreche in diesem Büchlein in vielerlei Formen: Vom Ich zum Du, vom Euch zum Uns, denn es gibt kein Mich ohne ein Dich und Euch nicht, ohne Uns. Was den einzelnen Menschen als Individuum überhaupt erst erkennbar macht, sind unsere Unterschiedlichkeiten und Besonderheiten. Nur im Vergleich zueinander entsteht eine fassbare Persönlichkeit. Ein Bild unseres ICHs, das uns von anderen abhebt. Wir wurden durch einander geprägt und prägten wiederum andere. Formten daraus ein sich ständig wandelndes ICH. Doch in der Tiefe unseres Seins lösen sich Äusserlichkeiten auf, verschmelzen Trennungen zu Einheit. Wir werden eins.

Aus dieser Sicht, Gefährte, ist meine Reise nunmehr auch die deine. Die Worte, die ich fand, auch die deinen. Das ist der Grund, weshalb ich mir erlaube, dich einzuladen mit mir zu reisen. Auf den Spuren meiner, deiner, unserer Worte. Lassen wir uns ein auf die Kraft der Worte, eintauchend in die Geschichten der manchmal mehr, manchmal weniger ersichtlichen Schön- und Wahrheiten des Lebens. Und noch tiefer hinab: In den letzten Grund der Wirklichkeit.

Instinkt beschreibt mein frühestes Verständnis von mir als Mensch-Sein wohl am ehesten. Ein intuitives Wissen darüber, wer und was ich bin. Das ist Verstehen auf der Seins-Ebene, wo wir immer schon wussten, woher wir kommen, was wir sind.

Doch tiefes Vergessen, und damit ein erheblicher Verlust der Sprache der Intuition, begleitet unsere Ankunft auf der Welt. Überdies herrschen hier andere Gesetzmässigkeiten. Wir haben mit einem Körper, einem Geist und Gefühlen umzugehen. Da kann es schon passieren, dass man manchmal das eigene Wort – die eigene Seele – nicht mehr versteht.

So suchten wir auf unserer Erden-Reise eine andere Art des Verständigens. Eine, die das innere Wissen übersetzt, in eine erden-taugliche Version sozusagen, und nach aussen trägt. Sowie das Äussere verinnerlicht. Eine Verständigungsart, die den Verstand nutzt. Wie hätten wir ahnen können, in welches Dilemma uns das noch führen würde…

Und dann kommt noch etwas anderes hinzu. Wir sind keine isolierten Wesen. Es drängt uns nach Verbindung. Unsere Natur lässt uns spüren, dass wir verbunden sind, derselben Quelle entstammen. Wenn dem nicht so wäre, befänden du und ich uns nicht hier, gemeinsam auf unserer Reise nach innen.

Und doch – vorerst – erkennen wir uns selbst in dieser polaren Welt durch ein Gegenüber. Erfahren uns und das Leben durch das Gegensätzliche und Andersartige. Wir wollten uns verständlich machen, uns vereinen. Wir brauchten ein Instrument – und fanden Worte.

 

EPISODE 4

DER DENKER

Ha! Hab ich dich entlarvt! Du, die mich seit einem halben Jahrhundert begleitende, süsse innere Stimme des Schön-Redens!

Frühmorgens. Ich erwache in meinem kleinen Bus auf dem Campingplatz im Tessin. Wie laut dieses Vogelgezwitscher heute ist! So laut, dass ich mich entschliesse aufzustehen, jetzt, da noch alles schläft, und in diese Morgenfrische einzutauchen. Das Licht, noch zart, sickert durch die Zwischenräume des Blätterwerks. Barfuss und leisen Schrittes, um dieses Erwachen des Tages nicht zu stören, gehe ich über taufeuchte Wiesen zu den Waschräumen.

Eine Amsel sitzt auf der Spitze der Campingplatz-Kamera und singt. So, wie ich noch nie eine Amsel habe singen hören. „Klar“ ist wohl der treffendste Ausdruck dafür. Durchdringend. Diesen Morgen durchdringend, mich durchdringend. Ihr Gesang ist äusserst komplex. So viele immer wieder neue Kompositionen singt diese Amsel. Die Luft ist mild für diese frühe Morgenstunde. Ich bin einfach da und staune. ICH BIN! Und – Ich bin mir bewusst, dass ich bin!

Und plötzlich ist sie wieder da, diese Stimme. Ein kleiner Schock, denn jetzt erst merke ich, dass sie tatsächlich weg war. Sie kommt zurück mit dem Gedanken: „Wenn sich jetzt jemand die Bilder auf der Webcam anschaut, sieht er diese hochstarrende, vom Schlaf zerzauste, eigenartige Frau. Das sieht bestimmt bescheuert aus!“

Wenn ich dich jetzt höre, Stimme, und vorher nicht, dann gibt es mich also mit dir, und es gibt mich ohne dich. Und ganz ehrlich: Ohne dich war‘s schöner! Es ist eine Art Lücke entstanden, in der ganz allein Ich einfach war. So rein und präsent, dass ich unvermittelt tief einatme und den Duft dieser Frische bis in die letzte Zelle einsaugen möchte.

Was mach ich jetzt mit dir, Stimme? Irgendwie bin ich deiner überdrüssig. Da ist es doch nahe liegend, dich auszusperren. Du verdirbst mir den Moment mit deinem Gequassel. Mit deinem ständigen Urteilen, das mich unvermittelt wieder in diese unsichere, langweilige Person verwandelt. Die, die ich loswerden will!

Wie war das noch mal? Die zweite Runde ist eingeläutet? Jetzt wird alles anders? Genau! Jetzt IST alles anders! Ich weiss, wo ich hin will. Dorthin, wo ich als Kind auf der Wiese war. Hinein in diese Präsenz, in den vollkommenen Moment. Ins Sein.

„Jetzt, da ich darüber nachdenke, sehe ich dich, denn Jetzt ist wohl der Ort, dich zu sehen.“

Diesen Satz schrieb ich noch vor einigen Tagen aus einer Quelle schöpfend, die mir grösstenteils nicht bewusst zugänglich war. Jetzt sehe ich diesen Satz und verstehe ihn. Tatsächlich verstehe ich ihn erst jetzt! Das ist nichts Intellektuelles. Und doch hat mein Verstand seine wahre Bedeutung gerade eben begriffen. Dass nämlich er nicht Ich ist. Ich habe lediglich einen Verstand. Und der soll denken, wenn es angebracht ist und bitteschön still sein, wenn der Denker denkt. 

 

FÜR DICH

Wie geht es dir, so ungesehen, ungewollt und unerkannt?

Stell mir vor, wirst immer dünner, ausgezehrt und ausgebrannt.

 

Gebunden an erloschne Lichter. Die Asche schütz‘st mit blosser Hand.

So lang ist‘s her bist du geflogen, hoch und frei von Land zu Land.

 

Ich eil mich, Engel, zu erwachen. Mein Licht entzündet, hell und klar.

Dir zu leuchten, mein Gefährte, in die Welt, die immer war.